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Starlight Tour

Starlight Tour Hintergrundfakten: Die letzte Reise des Neil Stonechildlink

von Monika Seiller
(veröffentlicht 2/2009)

Was klingt wie eine idyllische Mondscheinexkursion (Starlight Tour) ist für viele Indianer Kanadas ein Albtraum, der längst bittere Realität geworden ist. Im Februar 2000 griff die Zeitung StarPhoenix die Geschichte eines indianischen Jungen auf, der zehn Jahre zuvor in einer kalten Novembernacht am Nordrand von Saskatoon tot aufgefunden wurde: Neil Stonechild. Erst zwei Wochen vor Erscheinen des Artikels waren Anschuldigungen laut geworden, die eine Verstrickung der Polizeikräfte in den Vorfall nahe legten. Aus dem Gerücht um die „Starlight Tours“ war tragischer Ernst geworden.

Stonechilds Mutter hatte schon unmittelbar nach der Todesnachricht den Verdacht geäußert, es könne sich um keinen Unfall handeln, sondern vielmehr um ein Verbrechen, doch die Fakten schienen keinen kriminellen Hintergrund vermuten zu lassen. Auch die Tatsache, dass Stonechild lediglich mit Jeans und ein leichten Jacke bekleidet war, obwohl die Temperatur in der Nacht vom 24. November 1990 auf unter -28°C gesunken war, wurde dem Umstand zugeschrieben, dass der 17-jährige Cree-Indianer zum Zeitpunkt des Todes schwer alkoholisiert war. Gleisarbeiter hatten den gefrorenen Leichnam am 29. November, fünf Tage nach Stonechilds Tod, entdeckt und die Polizei alarmiert.

Wie die polizeilichen Untersuchungen ergaben, war Stonechild zuletzt in der Nacht von 24. November im Westteil von Saskatoon gesichtet worden. Sowohl der Coroner als auch Polizeikräfte und Erkennungsdienst hatten den Schauplatz in Augenschein genommen, sahen sich jedoch nicht zu weiteren Nachforschungen oder gar dem Einsatz der Spurensicherung veranlasst. Die Polizei ignorierte sogar die seltsame Tatsache, dass der Tote nur einen Schuh trug, während vom zweiten Turnschuh jede Spur fehlte. Der Fundort der Leiche lag inmitten eine unerschlossenen Lands am Rand eines Industriegebiets, weshalb die Leiche nicht eher entdeckt worden war. Die Autopsie wurde im St. Paul’s Hospital in Saskatoon vorgenommen und ergab als Todesursache eindeutig Unterkühlung und Erfrierungstod. Ein Fremdeinwirken konnte nicht nachgewiesen werden, woraufhin die Polizei in Saskatoon die Ermittlungen einstellte und den Fall als abgeschlossen zu den Akten legte.

Wiederholt tauchten jedoch Zweifel an der polizeilichen Darstellung auf, und es gab Hinweise, dass der junge Indianer noch kurz vor seinem Tod von einer Polizeistreife aufgegriffen worden sei. Stonechild war zuvor mit dem 16-jährigen Jason Roy, seinem besten Freund, unterwegs gewesen, der später berichtete, dass er Neil Stonechild zuletzt auf dem Rücksitz eines Polizeiwagens gesehen habe, wo er blutverschmiert um Hilfe geschrieen habe. Hinzu kamen die Vorwürfe, die Polizei habe ihre Untersuchungen zu schlampig durchgeführt. Man verdächtigte sogar Gary Pratt, den jugendlichen Anführer einer indianischen Straßengang, Stonechild ermordet zu haben, doch fanden sich hierfür nicht einmal Indizien.

Stonechild-Report (Cover Commission of Inquiry Into Matters Relating to the Death of Neil Stonechild 2004) Erst zehn Jahre nach Stonechild’s Tod, als sich ähnliche Vorfälle häuften und weitere Indianer außerhalb Saskatoons erfroren aufgefunden wurden, sahen sich die Behörden zu einer Reaktion genötigt. Letzter Auslöser war jedoch der Fall von Darrel Night, der den nächtlichen Trip in die Kälte überlebte und mit letzter Kraft von seiner „Starlight Tour“ zurückkehrte. Er war von einer Polizeistreife aufgegriffen worden, die ihn 30 Kilometer außerhalb von Saskatoon mitten auf dem Feld aussetzte. „Du hast 20 Sekunden Zeit“, war die letzte Drohung der Polizisten an den Indianer gewesen, der nicht lange zu überlegen brauchte, um sofort in Todesangst loszurennen.

Die beiden Polizisten wurden lediglich wegen Freiheitsberaubung gemaßregelt – alles weitere wurde unter den Teppich gekehrt. Im Jahr 2000 schließlich wurde die RCMP mit einer Untersuchung des Tods von Stonechild und anderer Opfer beauftragt. 2003 berief der Justizminister der Provinz Saskatchewan eine Untersuchungskommission, die ein Jahr später ihren Abschlussbericht vorlegte. Das Ergebnis der Kommission belegte, dass es eine weit verbreitete Praxis ist, Indianer, vor allem Betrunkene, in der Stadt aufzugreifen und sie dreißig oder mehr Kilometer außerhalb der Stadt auszusetzen – gleich welche Witterung. Zahlreiche Zeugen, die häufig aus Angst vor Polizeirepressalien in der Presse ungenannt bleiben wollten, bestätigten die Erkenntnisse. Ein Zeuge erklärte, er sei bereits vier Mal Opfer dieser „Starlight Tours“ geworden, u.a. sei er einmal genötigt gewesen, 50 Kilometer in Eiseskälte zurückzulaufen. (Diese Praxis ist übrigens keineswegs eine Erfindung der Kanadier, denn vergleichbare Vorkommnisse wurden auch bei uns gemeldet. Obdachlose, Punks oder andere „unliebsame“ Zeitgenossen können davon berichten. Der einzige Unterschied: unsere Temperaturen sinken glücklicherweise selten auf so extreme Minusgrade wie in Saskatchewan.)

Keines der Opfer hat sich in der Vergangenheit getraut, eine Beschwerde vorzubringen, denn aus nahe liegenden Gründen, war keiner der Indianer dazu zu bewegen, sein Anliegen just bei den Polizeistellen vorzubringen, die für die Aktionen verantwortlich waren. Täter wären so zu Richtern in eigener Sache geworden und eine objektive Untersuchung von vorneherein ausgeschlossen. Polizeichef Dave Scott wies jede Kritik entrüstet zurück und erklärte sein rückhaltloses Zutrauen zu seinen Leuten.

Laut einer offiziellen Statistik aus dem Jahr 2004 gab es in Saskatoon innerhalb eines Jahres 2.000 Verhaftungen wegen Trunkenheit, Indigene wurden für die Hälfte aller Verbrechen vor Gericht angeklagt und über 70% der Gefängnisinsassen sind indigener Herkunft, obwohl sie nur 15% der Bevölkerung von Sakatoon bilden. Das Verhältnis zwischen Indigenen und Polizei war noch nie besonders gut, doch nach der Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse sank das Vertrauen in die Polizeikräfte in den Keller. Auf der anderen Seite nehmen Abwehrreaktionen und Diskriminierung zu.

Nach Aussagen des Menschenrechtsanwalts Sakej Hendersen sind die Ursachen dieser Entwicklung in zwei Bereichen zu suchen. Einerseits haben die politischen Stellen versagt, Vertrauen zwischen den Bevölkerungsgruppen sowie zu staatlichen Institutionen zu fördern, geschweige denn den Indigenen Perspektiven zu vermitteln. Andererseits sei die Überlastung und Frustration innerhalb der Polizeikräfte verantwortlich. Leider müssten viele Polizisten immer wieder die gleichen Personen wegen Trunkenheit verhaften, sie für eine Nacht in die Ausnüchterungszelle stecken und am nächsten Tag auf freien Fuß setzen, nur um am nächsten Wochenende dasselbe Spiel zu wiederholen. Die Indianer wiederum hätten keine Lust, die Nacht in der Zelle zu verbringen, und die Polizisten hätten keine Lust, Berge von Formularen auszufüllen, so das Fazit.

Die Frustration mag verständlich sein, rechtfertigt jedoch in keiner Weise die Vorgehensweise der „Starlight Tours, bei denen selbst der Tod des Verhafteten leichtfertig in Kauf genommen wird. Wer einmal mit der Diskriminierung und Menschenrechtsverletzung angefangen hat, wird den Spielraum immer weiter ausdehnen – dann spielt es bald keine Rolle mehr, ob der Betreffende völlig betrunken, verletzt oder eben nur mit einem T-Shirt bekleidet ist, wenn er bei tödlicher Kälte im Niemandsland ausgesetzt wird.

Nach der Veröffentlichung des Untersuchungsberichts meldeten sich über 250 Betroffene, die dem Schicksal von Neil Stonechild nur knapp entkamen. Fred Gopher, Chief des Saulteaux Reserves nahe Saskatoon, verwies gegenüber der Untersuchungskommission zu recht auf den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. „Es ist das ganze System, das an der Situation schuld ist. Wir dürfen uns nicht bloß Einzelfälle herausgreifen, wir müssen das Gesamtbild betrachten. Warum sind die Gefängnisse voller Indianer? In unserem Reservat herrscht eine Arbeitslosigkeit von 90%. Wo sind die Perspektiven für die Jungen, wenn ihnen niemand einen Job gibt, um eine Familie zu gründen und zu ernähren? Wir brauchen eine Lösung, an der alle mitwirken müssen.“ Heute leben zwei Drittel der rund 1,4 Millionen kanadischen Ureinwohner außerhalb der Reservate – sie brauchen einen Platz in der kanadischen Gesellschaft, der sie weder ihrer Kultur und Identität beraubt, noch sie in Slums Drogen, Alkohol und Kriminalität überlässt. Kanada kann sich nicht des Problems entledigen, indem es demnächst ganze Busladungen von Indigenen bei 28 Grad unter Null aussetzt.

Susanne Reber, Robert Renaud: Starlight Tour
Random House Canada, Hardcover, 448 Seiten
Erhältlich bei Amazonlink-external.
Neuauflage von 2019link-external bei Penguin Random House Canada.

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Erstellt von oliver. Letzte Änderung: Donnerstag, 16. Juli 2020 21:03:55 CEST von oliver. (Version 10)

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