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Nancy Grimm: Beyond the “Imaginary Indian”

Beyond the "Imaginary Indian" (Cover Universitätsverlag Winter 2010) Indigene Gegenwartsliteraturlink

von Monika Seiller
(veröffentlicht 2/2010)

Anders als der Titel auf den ersten Blick vermuten lassen könnte, handelt es sich um eine deutschsprachige Auseinandersetzung mit indigener Gegenwartsliteratur, nämlich um eine Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Jena, die 2007 vorgelegt wurde und nun im Universitätsverlag Winter in Heidelberg erschien. Deutlich wird die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung im Untertitel: Zur Aushandlung von Stereotypen, kultureller Identität & Perspektiven in/mit indigener Gegenwartsliteratur.

Fremdverstehen als Rahmenlink

Den Untersuchungsrahmen der Arbeit bildet im Wesentlichen die Auseinandersetzung mit dem Fremdverstehen, denn natürlich verlässt der Leser nicht nur den europäischen Literaturkanon, wenn er sich mit Werken indianischer Autoren auseinandersetzt, sondern sieht sich einer Identität gegenüber gestellt, die nicht allein durch den eigenen Erfahrungshorizont der europäischen bzw. nordamerikanischen Kultur erschlossen werden kann und sich der eigenen Erwartungen und Stereotypen stets bewusst bleiben muss. Die Kernfrage muss daher lauten: Wie kann ich indigene Literatur verstehen?

„Der Prozess des Verstehens geschieht beim Leser oder demjenigen, der einen anderen verstehen will, jedoch nicht wirklich auf unvoreingenommene Weise. Eine Sinnkonstruktion ist zudem nicht beliebig, sondern entsteht immer vor dem Weltwissen des Lesers und des Verstehenden, der vor seinem eigenen und unterschiedlich ausgeprägten zeitlichen, sozialen, kulturellen, politischen und geschichtlichen Hintergrund versteht.“ Eine Binsenweisheit? Mitnichten. Mit Verweis auf Hans Gadamer erinnert Grimm daran, dass das „geschichtliche Leben der Überlieferung“ in der zu leistenden Aneignung und Auslegung besteht. Dies mag zwar auf jede Erzählung zutreffen, doch im Hinblick auf die Literatur von Indigenen stellt sich für den Leser die Schwierigkeit der Auslegung immer wieder neu und kann nicht allein durch die eigenen Interpretationsmuster abgedeckt werden.

Ceremony (Cover: Penguin 2010) Die Brücke, um diese Kluft zwischen der eigenen Kultur und jener der Indigenen, zu überwinden, bildet für Grimm die interkulturelle Hermeneutik, das Fremdverstehen. Dem Rezipienten kommt dabei eine aktive Rolle zu, wenn er zwischen Eigenem und Fremdem vermitteln muss, wobei sich das Fremdverstehen nicht allein auf das „Einnehmen einer Innenperspektive“ beschränken kann, da der Diskurs zugleich eine „Veränderung des Eigenen“ zur Folge hat. Dies erfordert Einfühlung und Perspektivenwechsel verbunden mit der Bereitschaft, die fremde Perspektive ernst zu nehmen und die eigene Sichtweise zu relativieren.

Literarischer Anspruchlink

Gerade Minoritätenliteratur bietet sich „für die Thematisierung von Stereotypen an“, da sich in ihren fiktionalen Texten charakteristische Verhaltens- und Denkweisen der entsprechenden Kultur deutlicher darlegen lassen. Doch selbst in den Universitäten hat es lange gedauert, bis sich die Literaturwissenschaft mit diesen Texten ernsthaft auseinandersetzte. Die Literatur der Indigenen muss sich nicht nur gegen die Konkurrenz des klassischen (europäisch-amerikanisch dominierten) Literaturkanons erwehren, sondern auch gegen ihre missbräuchliche Zuschreibung als landeskundliche oder ethnologische Darstellung.

Halfbreed (Cover: University of Nebraska Press 2010) Gleichzeitig ist die indigene Literatur der Versuch der Autoren, die eigene Identität zu finden und zu bewahren. Nach Grimms Ansicht kommt der indigenen Kultur dabei ein besonderer Stellenwert zu, denn sie unterscheidet sich von anderen Minderheitenkulturen durch ihre geographische Verortung und ihre spezifische Geschichte, indem sie sich wie keine andere gegen die „kulturzersetzenden Einflüsse der Kolonialisierung“ behaupten musste. Die indigenen Texte bilden „einen Gegenpol zu amerikanischen Gründungsmythen und den ihnen zugrunde liegenden religiösen, literarischen und historischen Metaerzählungen.“

Anders als die Literaturen von Einwanderern oder Sklaven, waren die Erzählungen und Mythen der Indigenen bereits vor dem Einfluss der amerikanischen Eroberung und deren kulturspezifischen Erzählungen vorhanden und mussten sich gegen die Unterwanderung, Verzerrung und Vereinnahmung durch die dominante Kultur bis heute verteidigen. Nancy Grimm sieht darin „die besondere Funktion indigener Literatur im Rahmen des Fremdverstehens. Sie konfrontiert den interkulturell interessierten Leser durch ihre grundsätzliche Kritik an der dominanten euro-amerikanischen Kultur nicht allein mit einer kritischen Sicht auf, sondern sogar mit einem Gegendiskurs zum traditionellen Geschichtsverständnis.“

Kulturelle Schnittstellenlink

Dazu bedurfte es allerdings erst eines emanzipatorischen Prozesses innerhalb der indigenen Literatur. Während in der Frühphase Romane und Autobiographien meist noch in der Zusammenarbeit mit nicht-indigenen Autoren entstanden, kam es in der Native American Renaissance zu einer schöpferischen Befreiung der indigenen Autoren, die allerdings zur Herausbildung einer festen Kategorie indigener Literatur führte und die Gegenwartsliteratur nicht mehr zureichend zu definieren vermag. Starre Definitionsmuster – stark ausgeprägter Gemeinschaftssinn, Naturverbundenheit und zyklische Erzählmuster – erforderten eine zweite Native American Renaissance, verkörpert u.a. in den Werken von Louise Erdrich, die der Vielfalt der indigenen Gegenwartsliteratur gerechter zu werden hofft. Die Frage nach der klaren The Crown of Columbus (Cover: Harper Collins 2010) Definition einer originären indigenen Identität beschäftigt nicht allein den Leser, sondern vielmehr den Autor selbst, denn sie steht in einem engen Zusammenhang mit der Bewertung literarischen Schaffens über eine kulturelle Identität hinaus. Andernfalls werde indigene Literatur „auf eine kulturelle Repräsentationsfunktion verengt, die dieser nicht nur die Freiheit der ästhetischen Ausdruckskraft nimmt, sondern ihre Interpretation als Literatur per se unmöglich macht.“

Vielfalt der Ausdrucksformenlink

Mit wenigen Ausnahmen allerdings beschäftigt sich auch Grimm in ihrer dem theoretischen Rahmen anschließenden Untersuchung indigener Literatur vor allem mit bekannten Werken, die bereits selbst so etwas wie einen Kanon bilden. Während sie sich anhand Maria Campbells „Halbreed“ mit der Rolle autobiographischen Erzählens auseinandersetzt oder mit „The Death of Jim Loney“ von James Welch dem indianischen Entwicklungsroman nachspürt, beschäftigt sie sich am Beispiel von Leslie Marmon Silkos „Ceremony“ und Louis Owens mit „hybriden Denkmustern“, in denen euro-amerikanische und indigene Weltsicht aufeinander treffen. „Durch die Verbindung von story-telling und der euro-amerikanischen Form des Romans entsteht eine hybride Erzählform, welche den Zugriff nicht-indigener Leser auf den Text erleichtert und so das Fremdverstehen bewusst fördert“, wie „Ceremony“ exemplarisch belegt.

The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian (Cover: Little, Brown and Company 2007 Insbesondere am Beispiel von „The Woman Who Owned the Shadows“ von Paula Gunn Allen versucht Grimm aufzuzeigen, wie stark nach wie vor die Neigung der Literaturrezeption besteht, indigene Kultur zu vereinnahmen – in diesem Fall durch einen Feminismus, der seine euro-amerikanischen Wurzeln nicht verleugnen kann. Allen bedient sich in ihrem Roman gleichwohl stereotyper Darstellungen, u.a. der amerikanischen Frauen, die dem Mythos des indigenen Lebens als Rousseauschem Naturparadies erliegen. Die Erzählstimme wehrt sich gegen diesen positiven Rassismus, der die indigene Existenz in der Vergangenheit verortet.

Louise Erdrich und Michael Dorris lassen in ihrem Roman „The Crown of Columbus“ die beiden Kulturen in der Person der beiden Protagonisten aufeinandertreffen, der indigenen Anthropologin Vivian und dem „bekennenden WASP“ Roger, und brachten damit die Literaturkritiker an ihre Grenzen. Kritiker warfen ihnen vor, sich popkultureller Muster bedient zu haben, die einer wahren indigenen Literatur nicht würdig sei. Gerade diese essenzialistische Sicht indigener Literatur, so die Autoren Erdrich/Dorris, verdeutliche jedoch die anhaltende Stereotypisierung indigener Kultur, die eine selbstbestimmte Entwicklung indigener Autoren verhindere und nur die „reine Lehre“ zu akzeptieren bereit sei.

Emanzipation indigener Autorenlink

Besonders aufschlussreich sind in diesem Kontext die Werke von Thomas King und Sherman Alexie, zwei der erfolgreichsten indigenen Autoren der Gegenwart. Explizit nehmen sie nicht nur immer wieder das stereotype Bild „des Indianers“ aufs Korn, sonder beanspruchen zudem, mit ihren Romanen nicht permanent den Überlebenskampf der Indianer gegen die Weißen fortführen zu müssen bzw. zu wollen. Thomas King bezeichnet sich als indigenen Autor in dem Sinne, dass er eben ein Indigener ist, der schreibt, aber nicht ein Indigener, der nur über Indigenes schreibt. Der Einengung auf eine Erwartungshaltung des euro-amerikanischen Publikums will er sich nicht unterwerfen. Der Erfolg seiner Romane wie „Medicine River“ oder „Green Grass, Running Water“ mag ihm Recht geben.

The Truth About Stories (Cover: University of Minnesota Press 2005) Sherman Alexie, der sich nicht nur als Romanautor, sondern auch als Lyriker und durch die Verfilmung von „Smoke Signals“ einen Namen gemacht hat, spielt ebenfalls souverän mit den Indianerklischees, die er in seinen Werken aufgreift und auf ironische Weise bricht bzw. dekonstruiert. Nicht nur der Erzähler, sondern auch die Protagonisten treiben ihr Spiel mit den Klischees und Erwartungen hinsichtlich einer „echten indianischen Kultur“. Obwohl der „Part-time-Indian“ (so im Titel seines Buches „Diary of a Part-time Indian“) sich klar auf seine Spokane-Wurzeln beruft, ist Alexie nichts mehr verhasst, als die Einengung auf seine genetische Abstammung. Alexie ist wohl der indigene Autor, der in seinen Werken – ob in „Reservation Blues“, „Toughest Indian In the World“ oder „The Business of Fancydancing“ – am stärksten die vorherrschenden Stereotypen thematisiert – und nicht immer Applaus dafür erhält.
Bleibt noch die Frage, was ist indigene Literatur? Die Antwort kann ganz einfach sein: sie ist lebendig, vielfältig und nicht zuletzt eben Literatur – über kulturelle Grenzen hinweg.

Nancy Grimm: Beyond the „Imaginary Indian“
Zur Aushandlung von Stereotypen, kultureller Identität & Perspektiven in/mit indigener Gegenwartsliteratur, Universitätsverlag Winter: Heidelberg, 2009, 368 Seiten, 48,- Euro”

Erstellt von oliver. Letzte Änderung: Samstag, 11. Juli 2020 23:44:22 CEST von oliver. (Version 5)

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