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Bilder einer Ausstellung

Rabe Raubwal Donnervogel (Amerika Haus) Anmerkungen zur Präsentation indianischer Siebdrucke von der kanadischen Nordwestküste im Amerika-Haus München
von Dionys Zink
(veröffentlicht 3/2004)

Mit nur dreißig Siebdrucken die Vielfalt der indianischen Kunst der Nordwestküste darzustellen, scheint demjenigen ein aussichtsloses Unterfangen, der mit wachen Augen British Columbia bereist hat. Mehr als dreißig graphische Kunstwerke hintereinan- der zu betrachten und sich an Einzelheiten oder individuelle Züge der Bilder zu erinnern, ist möglicher- weise zwar ansichtsaber nicht aussichtsreich. So gesehen bietet die Ausstellung „Rabe, Raubwal, Donnervogel“ im Amerika- Haus München einen hervorragenden Einstieg in die Auseinandersetzung mit einer traditionellen Bilderwelt in moderner Darstellungstechnik, welche so manches, was als indianische Kunst daherkommt, turmhoch überragt.

Der Fairness halber muss eingeräumt werden, dass diese Wertschätzung einer regionalen ethnischen Kunst in Beziehung zu ihren historischen Bedingungen zu setzen ist. Die ethnologische Forschung hat für die Entstehung der indianischen Kunst der Nordwestküste eine scheinbar einfache Erklärung: Nootka und Tsimshian, Kwakiutl, Haida und Salish waren Völker, deren Lebensgrundlage der Lachsfang bildete. Die vorhersehbaren jährlichen Laichzüge des pazifischen Lachses bildeten die Voraussetzung für eine Vorratswirtschaft, welche ihrerseits zur Grundlage kultureller Entwicklungen wurde, die für nordamerikanische Verhältnisse einzigartig sind.

Die Vorratswirtschaft ermöglichte nicht nur die Sicherung des Überlebens, sondern erzeugte zeitliche Freiräume für die Gestaltung reicher Kulturen, die über Handelsverbindungen obendrein in regem inner- und interregionalem Austausch mit dem Hinterland bis zu den Rocky Montains standen. Schon vor dem Kontakt mit der europäischen Zivilisation hatten die Ureinwohner dieser Kulturregion ein ausgeprägtes Formempfinden entwickelt, das sich in geschnitzten Verzierungen nahezu aller Alltagsgegenstände niederschlug. Die Museen in Victoria und Vancouver vermitteln einen ausgezeichneten Eindruck von der Vielfalt und Schönheit der Zedernhäuser und dem Hausrat dieser indianischen Kulturen.

Die indianischen Gesellschaften der Nordwestküste waren in drei Schichten oder Klassen gegliedert. Es gab eine Adelsschicht, freie Angehörige und die Gruppe der Unfreien, die sich aus Kriegsgefangenen und ihren Nachkommen zusammensetzte. Die soziale Schichtung war auch im Hinblick auf die Besitzverhältnisse entwickelt. Die Oberschicht lebte im materiellen Wohlstand, bei dessen Ausgleich und Verteilung die Institution des Potlatch eine zentrale Rolle spielte. Am Ende eines mehrtägigen Festes wurden Geschenke von hohem Wert an die Eingeladenen verteilt, so dass sich das Prestige eines Oberschichtangehörigen schließlich nicht so sehr darin bemaß, welchen Besitz er hatte, sondern welchen Besitz er verschenken konnte. Eine derartig fremde Art mit Eigentum umzugehen, musste mit den Vorstellungen der kolonisierenden Europäer kollidieren, so dass der Potlatch am Ende des 19. Jahrhunderts mit der Begründung verboten wurde, dass sich die Indianer mit ihrer Freigiebigkeit selbst ruinieren würden.

Das Potlatch-Verbot war mit Gefängnisstrafen bewehrt und wurde erst nach Jahrzehnten wieder aufgehoben. In rudimentären Formen lebte es im Untergrund weiter und lebte seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder auf. Für das Kunstschaffen der Nordwestküstenindianer stellte es eine bedeutende Zäsur dar, denn mit der Abschaffung der Potlatches entfiel ein wesentlicher Antrieb zur Herstellung traditioneller Gebrauchsgegenstände, die üblicherweise bei diesen Gelegenheiten verschenkt wurden. Was jedoch überlebte, waren die Mythen, das Figureninventar und das Formenverständnis der Ureinwohner, so dass junge Künstler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an die Traditionen ihrer Vorfahren unmittelbar anschließen konnten, selbst wenn sich in heutigen Kunstwerken unübersehbar ein moderneres Bewusstsein zeigt.

In der Ausstellung im Münchner Amerikahaus wird der Zusammenhang zwischen Moderne und Tradition deutlich, indem den Bildern jeweils eine geraffte Fassung der den Bildern zugrunde liegenden Mythologeme beigefügt wurde. Erklärungen zu den jeweils individuellen oder ethnischen Besonderheiten der Darstellung vermitteln einen guten ersten Zugang zur Formensprache. Die Designs stellen in der Regel Tiere dar, die mythologische Wesen, Familien- Wappentiere und Repräsentanten herausragender Persönlichkeiten sein können. Sie werden meist von schwarzen Konturlinien begrenzt. Häufig erscheinen die Figuren ineinander geschachtelt, so dass ein Bild mehrere Tierfiguren darstellt, ähnlich wie die berühmten Falschgesichtmasken der Nordwestküste, mit denen sich beispielsweise ein tanzender Rabenmann plötzlich in einen Schwertwal verwandeln konnte.

Weil die Darstellungen ursprünglich Nachbemerkung Es liegt in der Natur der Sache, dass eine politische Unterstützungsorganisation wie AGIM immer wieder in konfliktreiche Begegnungen mit den Repräsentanten eines Staates gerät, dessen Ureinwohnerpolitik bei genauer Kenntnis kaum unseren Beifall finden kann. Angehörige der Kanadischen Botschaft und Konsulate in Deutschland wissen um diese Auseinandersetzungen. Gerade bei tief greifenden Meinungsverschiedenheiten ist eine Übereinstimmung in der Wertschätzung von Kunst ein Ansatzpunkt für einen fortzusetzenden interkulturellen Dialog. Und auch gerade deswegen müssen wir nachhaken: Zwischen der zu Recht stolzen Präsentation indianischer Kultur einerseits und der realen Politik gegenüber Ureinwohnern in Kanada klaffen Widersprüche, die aufzulösen Aufgabe der Regierungen ist, in deren Auftrag diese Ausstellung in ihren verschiedenen Arrangements um die Welt reist. als Schnitzereien größere Flächen etwa an rechteckigen Zedernholzkisten vollständig bedeckten, kennzeichnet auch die Siebdrucke ein ausgesprochener ‚Horror vacui’, jede Fläche eines rechteckigen Bildausschnitts wird mit Mustern oder Design-Versatzstücken ausgefüllt. Nicht zuletzt deswegen fällt manchem (europäischen) Betrachter das Erkennen bestimmter Tiere doch recht schwer.

Organisiert wurde die Ausstellung in München vom Bayerisch-Amerikanischen- Zentrum in Zusammenarbeit mit der Kanadischen Botschaft in Berlin. Zur Ausstellung ist ein Begleitheft erschienen, das im Amerika- Haus erworben werden kann. Es enthält neben einigen Abbildungen auch die Texte zu den präsentierten Bildern. Gleichzeitig findet eine zweite Ausstellung mit Exponaten des Münchener Völkerkundemuseums in dessen Zweigmuseum in Oettingen statt, die vor allem Plastiken wie Masken und Gebrauchsgegenstände des 19. Jahrhunderts präsentiert. Dort finden sich die gestalterischen Vorbilder für die modernen Siebdrucke der Ausstellung in München, aber auch weitere moderne Kunstwerke.

Bereits seit 1977 reisen Ausstellungen zur Kunst der kanadischen Westküste um die Welt. Mit erweitertem Exponatbestand war „Rabe, Raubwal, Donnervogel“ in Syrien, Kuwait und im Libanon zu sehen. Die letzten Stationen in Deutschland umfassten u.a. Augsburg, Nürnberg und Bayreuth. Dieser Artikel verdankt wesentliche Erkenntnisse dem Vortrag von Anka Kraemer M.A.., freie ethnologische Mitarbeiterin des Völkerkundemuseums München, die einen der Eröffnungsvorträge zur Ausstellung in München hielt, ihr sei ihr Beitrag zum Zustandekommen dieses Coyote-Artikels herzlich gedankt. Etwaige Irrtümer gehen natürlich auf den Autor zurück.

Wer sich ausführlicher über die moderne Kunst der Indianer der Nordwestküste informieren will, dem sei das Buch „Der Rabe brachte die Sonne“ von Ralf Streum empfohlen. Es erschien schon 1993 im Trickster- Verlag München und ist vermutlich vergriffen, antiquarisch aber noch erhältlich bei diversen Internetanbietern (z.B. www.zvab.com).

Rabe, Raubwal, Donnervogel: Zeitgenössische Kunst von Indianern der kanadischen Pazifikküste, B.A.Z. Amerika Haus, Karolinenplatz 3, München, Tel. 089-55253714. Die Ausstellung ist Montag bis Freitag von 10.00 bis 18.00 Uhr bis zum 26. November 2004 geöffnet.

Die Ausstellung Totempfahl und Potlatch im Zweigmuseum Oettingen ist noch bis 30. Januar 2005 im Residenzschloß Oettingen zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 11.00 bis 17.00 Uhr.


Nachbemerkung
Es liegt in der Natur der Sache, dass eine politische Unterstützungsorganisation wie AGIM immer wieder in konfliktreiche Begegnungen mit den Repräsentanten eines Staates gerät, dessen Ureinwohnerpolitik bei genauer Kenntnis kaum unseren Beifall finden kann. Angehörige der Kanadischen Botschaft und Konsulate in Deutschland wissen um diese Auseinandersetzungen. Gerade bei tief greifenden Meinungsverschiedenheiten ist eine Übereinstimmung in der Wertschätzung von Kunst ein Ansatzpunkt für einen fortzusetzenden interkulturellen Dialog. Und auch gerade deswegen müssen wir nachhaken: Zwischen der zu Recht stolzen Präsentation indianischer Kultur einerseits und der realen Politik gegenüber Ureinwohnern in Kanada klaffen Widersprüche, die aufzulösen Aufgabe der Regierungen ist, in deren Auftrag diese Ausstellung in ihren verschiedenen Arrangements um die Welt reist.

Erstellt von oliver. Letzte Änderung: Mittwoch, 12. Februar 2020 16:25:32 CET von oliver. (Version 2)

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