Liebe Unterstützer*innen,

während der jetzt in den Kinos angelaufene Film “Oppenheimer” an die Anfänge der Atombombe erinnert, beschäftigen wir uns bis heute mit deren Folgen und den anhaltenden Gefahren. Am 6. August jährt sich der Atombombenabwurf auf Hiroshima 1945 und nur drei Tage später auf Nagasaki. Die Folgen der Zerstörung waren verheerend.

Doch auch die Atombombentests auf dem Gebiet indigener Völker, u.a. der Western Shoshone in Nevada, entfalten bis heute ihre zerstörerische Kraft. Auf der Nevada Test Site — heute beschönigend “Nevada National Security Site” genannt — wurden über 1000 unterirdische und 119 oberirdische Tests durchgeführt. Die Auswirkungen auf die dortigen Indigenen wurden ignoriert. Ebenso wie die Folgen des Uranabbaus auf indigenem Land.

Im Frühjahr hatten wir Vertreter*innen von den Marshall-Inseln in München zu Gast, die über das nukleare Erbe und den atomaren Kolonialismus der inzwischen auch durch den Klimawandel bedrohten Inseln berichteten. Auch daran wollen wir mit der nachfolgenden Veranstaltung erinnern:

“Unsere Zukunft — Atomwaffenfrei”

Seit Jahrzehnten fordern wir die Abschaffung der Atomwaffen, die u.a. auch auf deutschem Boden lagern, und deren Einsatz jüngst angesichts des Ukrainekriegs wieder in die Diskussion geraten ist. Wir fordern die deutsche Bundesregierung auf, dem Atomwaffenverbotsvertrag unverzüglich beizutreten.

Samstag, 05.08.2023 am Karlsplatz/Stachus in München

1900 Uhr Mahnwache / 2000 Uhr Kundgebung


News

  • Internationaler Tag der Indigenen Völker
  • “Erdüberlastungstag”
  • Waldbrände in Kanada
  • Atomenergie in Ontario
  • Grassy Narrows: Selbstmorde als Folge der Quecksilberverseuchung
  • Eiscreme gegen Kolonialismus
  • Indigener Künstler als Vertreter der USA bei der Biennale

Internationaler Tag der Indigenen Völker am 9. Augustlink

Seit 1994 wird am 9. August der Internationale Tag der indigenen Völker begangen. Das diesjährige Thema, “Indigenous youth as agents of change for self-determination”, mahnt uns zum besonderen Schutz der indigenen Kinder und Jugendlichen angesichts der Auswirkungen des Klimawandels, denn ohne den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen können sie ihre Zukunft nicht selbst gestalten (siehe Pressemitteilung im Anhang).

“Erdüberlastungstag”link

Am 02. August war der internationale „Erdüberlastungstag“ erreicht, d.h. der Tag, an dem die Menschheit alle erneuerbaren Ressourcen eines Jahres verbraucht hat. Den Untersuchungen des Global Footprint Networks zufolge würden im Jahr 2030 die Ressourcen zweier Erden verbraucht sein, sollte sich das Ressourcenverhalten der Menschheit nicht ändern. Allerdings fällt der Verbrauch “der Menschheit” äußerst unterschiedlich aus. In den USA war das Limit bereits im März erreicht, in Deutschland im Mai. Auch Kanada hat seine jährlich erneuerbaren Ressourcen bereits im März verbraucht — und mischt trotzdem kräftig mit bei Pipelines, Teersandgewinnung und Fracking-Gas. Ignoriert wird dabei, dass sich die Projekte auf indigenem Land befinden und damit auch deren Landrechte missachten.

Anhaltende Waldbrände in Kanadalink

Kanadas Wirtschaft basiert jedoch auf der Nutzung fossiler Energie, die entscheidend zum Klimawandel beiträgt, der auch für die verheerenden Waldbrände in Kanada mitverantwortlich ist. Am 2. August waren noch 1042 Brände aktiv, von denen 655 außer Kontrolle waren (Canadian Interagency Forest Fire Centre). Seit März 2023 kam es zu insgesamt 5095 Bränden, denen eine Fläche von 131.000 km2 zum Opfer fiel – mehr als die komplette Waldfläche Deutschlands. Während üblicherweise besonders der Westen des Landes, d.h. vor allem British Columbia mit seinen Beständen an Old-Growth-Forest, betroffen ist, erstreckten sich die Feuer diesmal über das ganze Land — mit Folgen für den südlichen Nachbarn USA. Bilder des in trüben rötlichen Rauch gehüllten New York gingen um die Welt. Ursachen waren extreme Hitze und Dürren, die sich bereits im Frühjahr zeigten und ebenfalls ein Beleg für den menschengemachten Klimawandel sind, der kapitalistischen Profit über den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen stellt.

Besonders betroffen sind die Indigenen — so musste die Cree-Community von Nemaska im Norden Quebecs fünfmal evakuiert werden. Insgesamt waren mehr als 25.000 Indigene in 93 First Nations Communities von Evakuierungen im ganzen Land betroffen. 42% aller Evakuierungen betrafen Gemeinden mit überwiegend indigener Bevölkerung, obwohl der Bevölkerungsanteil der Indigenen in Kanada nur bei rund 5% liegt. Mit den Bränden werden auch ihre Jagd- und Fischfanggründe sowie Traplines zerstört — und damit Jahrhunderte alte Kulturen bedroht.

Die Indigenen fordern seit langem eine stärkere Einbeziehung in das Forstmanagement und den Einsatz traditioneller Brandschutzmethoden. Bereits 2021 hatte die Secwepemcul’ecw Restoration and Stewardship Society eine verstärkte Zusammenarbeit in der Brandbekämpfung von der Provinzregierung eingefordert, doch die Erfahrungen der Indigenen im Umgang mit Waldbränden wurden ignoriert. Einige Gemeinschaften wie die Yunesit’in First Nation (Teil der Tŝilhqot’in Nation), 300 km nördlich von Vancouver, haben daher eigene Maßnahmen ergriffen. Mit dem gezielten Abbrennen von vertrocknetem Gras schaffen sie eine Barriere gegen Waldbrände. Zudem haben sie rechtzeitig für die Versorgung mit Löschwasser vorgesorgt, doch ohne finanzielle Unterstützung und wirksame Beteiligung am Wald- bzw. Brandmanagement bleiben diese Aktionen nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.

Morgenluft für Atomlobby in Ontario?link

Gegen den durch die Nutzung fossiler Energie hervorgerufenen Klimawandel hilft nur die Atomkraft — so die Lüge der Atomlobby.

Anfang Juli 2023 verkündete die Regierung von Ontario den Plan zum Bau des größten Atomkraftwerks in mehr als 30 Jahren. Das neue 4.800-Megawatt-Projekt soll an der Bruce Nuclear Generating Station am Ufer des Huron-Sees entstehen. Ontarios Energieminister Todd Smith erklärte, die Regierung sei offen für „neue innovative Energieprojekte“ — von Elektroautos über “critical minerals” bis hin zur keineswegs innovativen Atomkraft. “Mit unserem neuen Energieplan”, so der Minister in einer Presseerklärung, sei die Regierung “bestens vorbereitet, den steigenden Energiebedarf mit verlässlicher, bezahlbarer und sauberer Atomkraft” zu decken.

Allerdings hat die Genehmigungsbehörde, die Canadian Nuclear Safety Commission (CNSC), noch keinen Genehmigungsantrag von Bruce Power erhalten, und ein entsprechendes Umweltverträglichkeitsgutachten liegt ebenfalls noch nicht vor. CNSC beschwichtigte zudem, man werde natürlich die Öffentlichkeit und die indigenen Gemeinschaften in die Entscheidung miteinbeziehen. Wie intensiv diese „Einbeziehung“ ausfallen wird, bleibt fraglich. 2019 bezog Ontario 60% seiner Energie aus Atomkraft, 24% aus Wasserkraft und 8% aus Windenergie. Die Ankündigung von Bruce Power, man werde Konsultationen mit den betroffenen indigenen Communities durchführen, darf einstweilen als PR-Maßnahme verstanden werden, zumal Ontarios Premier Doug Ford nicht durch Indigenen-freundliche Politik in Erscheinung getreten ist. Im Gespräch war sogar eine nukleares Endlager 250 km nordwestlich von Thunder Bay — einer vor allem von Indigenen besiedelten Region.

Wie “sauber” die Atomkraft ist, könnten die Indigenen erzählen, auf deren Gebieten das Uran für die AKWs gewonnen wird. Doch von Krebsraten und Todesfällen will die Atomlobby natürlich nichts hören.

Grassy Narrows First Nation: Selbstmord als Folge von Quecksilberverseuchunglink

Seit den 1960er Jahren leidet die Grassy Narrows First Nation in Ontario unter der extrem hohen Quecksilberverseuchung ihres Trinkwassers — mit gravierenden Folgen für die Gesundheit der Indigenen. In den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts entsorgte die Reed-Papiermühle zehn Tonnen Quecksilber in den Fluss der Grassy Narrows, auf den die Indigenen nicht nur für ihr Trinkwasser angewiesen sind, sondern auch als Nahrungsquelle für ihren Fischfang und vor allem als wirtschaftliche Einnahmequelle. Seit Jahrzehnten gilt diese Verseuchung als eines der schlimmsten Umweltverbrechen, das für eine hohe Zahl an Erkrankungen unter den Indigenen verantwortlich ist. Inzwischen zeigen sich die gesundheitlichen Schädigungen bereits in der dritten Generation. Zahlreiche Studien haben belegt, welche Schädigungen die Quecksilbervergiftung bei den Indigenen hervorgerufen hat — neurologische Probleme, Hirnschäden, Fehlgeburten, Missgeburten oder Krebs. Eine Studie von 2016 bestätigte zudem, dass die Quecksilberbelastung der Fische im Clay Lake 90% über der gesundheitlich zulässigen Grenzmenge liegt.

Doch nun schreckte eine neue Studielink-external die Mitglieder der Grassy Narrwos auf. Seit langem haben sie mit einer hohen Zahl an Selbstmorden unter Jugendlichen zu kämpfen, die deutlich über dem Durchschnitt an Suiziden indigener Völker in Kanada liegt. Die Zahl der Selbstmorde unter den Grassy Narrows liegt dreimal höher als bei allen anderen indigenen Gemeinden — und bereits diese liegt zehnmal höher als im kanadischen Durchschnitt. Die Studie der University of Quebec in Montreal untersuchte die Daten von 162 Kindern und 80 Müttern (u.a. Quecksilberrückstände in der Nabelschnur oder Haarproben) und ergab einen direkten Zusammenhang zwischen den Selbstmordraten und der generationsübergreifenden Vergiftung durch Quecksilber.

Grassy Narrows Chief Rudy Turtle zeigte sich bestürzt und bestätigt zugleich angesichts der Ergebnisse der Studie. “Unser Leben wurde zerstört”, erklärte sie. “Das Quecksilber hat nicht nur unsere Körper zerstört, sondern auch unsere Lebensart und Kultur.” 2020 versprach die kanadische Bundesregierung Finanzmittel zur Behandlung der Gesundheitsschäden, doch auf das Geld warten die Grassy Narrows bis heute.

Eiscreme gegen Kolonialismuslink

An Ben & Jerry kommt keiner vorbei, der ins Kino geht. Immer diese nervige Eiscreme-Werbung denkt man sich, doch nun rückt ein Medienskandal in den USA die Eismacher in ein ganz neues Licht. In einem Tweet zum US-Nationalfeiertag am 4. Juli 2023 erklärte das Unternehmen, “Die Vereinigten Staaten wurden gegründet auf dem gestohlenen Land der Indigenen. Lasst uns den 4. Juli zum Anlass nehmen, das Land zurückzugeben.” Hintergrund war die Auktion eines historischen Vertrags aus dem Jahr 1582, welcher dem englischen “Entdecker” Sir Humphrey Gilbert den Auftrag zu Inbesitznahme von Newfoundland für die englische Krone erteilte. Das Auktionshaus Sotheby’s hatte den handschriftlichen Vertrag als „eines der bedeutendsten Dokumente der Kolonisierung der Neuen Welt“ angepriesen. Der Teil der Neuen Welt, den sich die Krone aneignete, war allerdings bereits von den Beothuk und teilweise den Mi’kmaw besiedelt. Heute leben neben den Mi’kmaw auch Inuit, Innu, Penobscot, Passamaquoddy, Maliseet und Abenaki in der Region

Der Tweet von Ben & Jerry löste in der ohnehin aufgeheizten Atmosphäre in den USA einen wahren Shitstorm aus, dem zahlreiche Boykottaufrufe folgten. Nur kurz zuvor hatte das Unternehmen auch Kanada zur Entkolonialisierung aufgefordert, indem es am kanadischen Nationalfeiertag, dem 21. Juni, einen ähnlichen Tweet absetzten: „O Canada, our home on stolen land“. Ben & Jerry verteidigte die Tweets, indem es sich zu Verbündeten (Allies) der Indigenen im Kampf um deren Landrechte erklärte, insbesondere hinsichtlich der Rückgabe der Black Hills an die Sioux, aber auch zur Unterstützung der indigenen “LandBack”-Bewegung in Kanada.

Auf der offiziellen Homepagelink-external liefert das Unternehmen dazu ausführliche Hintergründe und fordert dazu auf, eine Petition zur Rückgabe der Black Hills zu unterzeichnen.

Bereits in der Vergangenheit äußerte sich das Unternehmen gegen Hassbotschaften oder “White Supremacy” und unterstützte die “Black Lives Matter”-Bewegung. Von Boykottaufrufen oder erbosten Internetreaktionen werden sie sich daher kaum beeindrucken lassen, zumal viele Indigene die Unternehmenspolitik begrüßten.

Erstmals indigener Künstler als Vertreter der USA bei der 60. Biennale in Venediglink

Jeffrey Gibson, Mitglied der Mississippi Band of Choctaw Indians mit Cherokee-Abstammung, wird als erster indigener Künstler bei der nächsten Biennale im US-Pavillon mit eine Solo-Ausstellung gewürdigt und damit die USA offiziell vertreten.

“Gefeiert für seine künstlerische Praxis, welche die amerikanische Historie mit indigener und queerer Geschichte sowie den Einflüssen von Musik und Popkultur verbindet, erschafft Gibson eine dynamische visuelle Sprache, welche die die eigene Vielfältigkeit und Hybridität amerikanischer Kultur reflektiert”, heißt es in der Pressemitteilung vom 27.07.2023, mit der der zuständige Kulturausschuss des US-Außenministeriums seine Entscheidung für Jeffrey Gibson verkündete. Kuratiert wird der Pavillon von Kathleen Ash-Milby (Dineh) vom Portland Art Museum sowie Louis Grachos (SITE Santa Fe) und Abigail Winograd. Mit Kathleen Ash-Milby vertritt somit erstmals auch eine indigene Kuratorin den US-Pavillon.

In seinen Arbeiten bedient sich Gibson farbenstarker komplexer Muster, mit denen er die Präsenz und Resilienz indigener Kulturen verdeutlichen will und gleichzeitig mit Texten kombiniert Fragen nach Identität, gesellschaftlichem Diskurs, Demokratie und Freiheit aufwirft. Gibsons Arbeiten für die Biennale umfassen Skulpturen, Gemälde, Multi-Media-Arbeiten und Installationen, wobei einige ältere Werke mit neuen Beiträgen kombiniert werden.

Mit seiner Solo-Ausstellung wird der 1972 geborene Gibson erstmals einem größeren internationalen Publikum präsentiert. Nach seinem Studium der Malerei in Chicago, machte er seinen Master am Royal College of Art in London. Im August 2023 erscheint auch sein erstes Buch “An Indigenous Present”.

Obwohl indigene Künstler in den letzten Jahren zunehmend bei der Biennale im Bereich der Arsenale zu sehen waren (u.a. Jimmi Durham, Edgar Heap of Birds, Annie Pootoogook), war ein indigener Künstler das letzte Mal 1932 im US-Pavillon vertreten, d.h. vor 92 Jahren! Angesichts der Vielfalt gegenwärtigen indigenen Kunstschaffens eine sträfliche Ignoranz und längst überfällige Anerkennung.

Die 60.Biennale von Venedig ist vom 20. April bis 24. November 2024 zu sehen.

In Solidarität mit dem Selbstbestimmungsrecht der indigenen Völker.

Herzliche Grüße

Monika Seiller

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Aktionsgruppe Indianer & Menschenrechte e.V. (AGIM) ist ein gemeinnütziger Verein (gegr. 1986) zur Unterstützung der Rechte der indigenen Völker Nordamerikas und Herausgeberin des Magazins Coyote.

AGIM e.V. (Action Group for Indigenous and Human Rights, est. 1986) is a non-profit human rights organization dedicated to supporting the right to self-determination of Indigenous peoples in North America. We publish a quarterly magazine Coyote.

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