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Giftgrüne Spiele

Protestaktion (Foto: Gundjehmi Aboriginal Corporation 1998) Jabiluka ‘98 von Oliver Kluge (veröffentlicht 3/1998)

In Jabiluka liegt ein Schatz unter der Erde, zumindest ein Schatz nach dem Verständnis unserer westlichen Weltanschauung: Uran. 230 km westlich von Darwin und 20 km nördlich von Jabiru liegt ein großes Vorkommen dieses Treibstoffes unserer Energiewirtschaft - unweit der Touristenstraße zu den Felszeichnungen von Ubirr.

Über 90.000 Tonnen U3O8 (Uranoxid) sind bereits entdeckt worden, aber man schätzt, daß noch weitere 120.000 Tonnen im Berg liegen könnten. Da Uran jedoch nicht gediegen (als blankes Metall) vorkommt, sondern in winzigen Konzentrationen im Gestein (0,46-0,52%), müßten sage und schreibe 43 Millionen Tonnen Gestein abgebaut werden, um das Uranoxid zu fördern. Und ganz nebenbei - quasi als Abfallprodukt - würde man dabei 12 Tonnen Gold ans Tageslicht bringen.

Das Gelände gehört derzeit ERA (Energy Resources of Australia). Diese Firma gehört zum größten Teil dem australischen Multi North Limited, aber zu 25% sind europäische Firmen beteiligt. Darunter finden sich altbekannte Namen wie der französische Kernenergie-Konzern Cogema. Auch die Rheinbraun AG verdiente bis vor kurzem an australischem Uran, denn sie hielt 6,45% an ERA, bevor sie neulich den Anteil an die kanadische Cameco verkaufte, welche die weltgrößten Uranerzminen Key Lake und Rabbit Lake betreibt (beides sind Tagebauminen in Saskatchewan, Kanada).

Die Besitzverhältnisse der Firmen, die im Urangeschäft mitmischen, sind mehr als schwierig zu ermitteln. Häufig werden Beteiligungen untereinander verkauft. So weist Rheinbraun etwa Vorwürfe der Grünen wegen der Beteiligung an ERA zurück, da man sie ja verkauft habe. Rheinbrauns Muttergesellschaft RWE bezeichnet den Käufer Cameco jedoch als »Partner«. Es bleibt eben alles in der Familie. Und Deutschland bleibt mit 40% größter Abnehmer von ERA-Uran.

Besonders pikant an der Bergbaulizenz ist der Ort der geplanten Mine: Sie liegt - wie auch die Ranger-Mine, die schon lange in Betrieb ist - im Kakadu-Nationalpark. Die Idee, hier Uran abzubauen, ist »als wenn man ein Sammelbecken mit Altöl in der Oper von Sydney installieren würde«, findet der umweltpolitische Sprecher der Demokraten, Lyn Allison. Denn Jabiluka ist

  1. seit Jahrzehntausenden traditionelles Land der Aborigines und
  2. nach australischem Recht ein Nationalpark und, als wenn das noch nicht genug wäre,
  3. von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Jeder der drei Fakten sollte für sich alleine schon genügen, ein Projekt wie Jabiluka zu den Akten zu legen, nicht jedoch in Australien.

Kind (Foto: Gundjehmi Aboriginal Corporation 1998) Vor vielen Jahren rang sich die seinerzeit amtierende ALP (Labor) dazu durch, auf weitere Uranminen zu verzichten. Das schmerzte, doch wie der Ex-Minister richtig erkannte »wollten das mehr als 60% der Bevölkerung«. Er prophezeite die »massivsten Umweltproteste aller Zeiten«. Dies könnte sich erfüllen, denn die Proteste gehen mittlerweile um die Welt.

Die Entdeckung des Uranvorkommens von Jabiluka ist 27 Jahre her, und so alt sind auch die Pläne, es abzubauen. Doch mit dem Moratorium von 1983 wurde alles auf Eis gelegt. Als jedoch vor zwei Jahren eine neue, national-liberale Regierung in Canberra einzog, war alles Makulatur. Der Howard-Regierung war es nicht genug, daß mit ihrem Native Title Amendment Bill von 1997 den Aborigines das meiste, was sie vor Gericht erstritten hatten (Mabo- und Wik-Prozesse) wieder weggenommen wurde - und noch mehr. Und die Industrie Australiens ließ nichts anbrennen und stellte umgehend neue Genehmigungsanträge - und hatte Erfolg: Jabiluka wurde im Mai 1998 tatsächlich genehmigt.

Die Mine war zunächst noch nicht einmal als »normale« Untertagebaumine geplant, sondern gar als Tagebaumine - wie bei uns der Braunkohlebergbau. Der Einfall, Uran im Tagebau abzubauen, ist purer Wahnsinn. Schließlich befindet sich mehr als 90% der Radioaktivität eines Uranvorkommens nicht im Uran, sondern im Gestein, das die winzigen Uranspuren enthält. Da man Uran und Abraum trennt (mit riesigen Mengen Schwefelsäure), verbleibt das Gestein und somit die Radioaktivität in der Abbauregion. Dabei haben die internationalen Konzerne immer wieder ihre Skrupellosigkeit demonstriert, indem sie den Abraum einfach aufschütten (Tailings). Was dann passiert, wenn der Wind weht, oder ein Regenguß kommt, der die Auffangbecken überspült, kann man sich unschwer ausmalen.

Die Mine liegt auf dem traditionellen Land der Mirrar, die natürlich mal wieder nicht gefragt wurden. ERA behauptet dennoch, daß für Jabiluka eine Übereinkunft mit der Bevölkerung der Gegend erzielt worden sei. In einem gemeinsamen offenen Brief erklären die Clanoberhäupter der Mirrar Gundjehmi, Mirrar Erre, Bunitj und Manilakarr: »Eine neue Mine macht unsere Zukunft wertlos und zerstört noch mehr von unserem Land. Wir sind gegen jede weitere Mine in unserem Land… Wir haben kein Verlangen zuzusehen, wie weiteres Land aufgerissen wird und neue negative Einflüsse in unser Leben dringen.« Jabiluka gehört zu den Gegenden unseres Planeten, die am längsten besiedelt sind, seit 40.000 Jahren.

Gracelyn Smallwood (Foto Oliver Kluge 1998) Die Ureinwohner sind mehr als besorgt über den rüden Umgang der westlichen Welt mit der Natur. Sie schickten Vertreter nach Genf zur Sitzung der Working Group on Indigenous Peoples. Gracelyn Smallwood war eine der Rednerinnen, die eindringlich vor einem weiteren Vorgehen warnte. Im Gespräch erzählte sie Coyote, daß die Ältesten Schlimmstes befürchten. »Es könnte das letzte Zeitalter anbrechen, wenn man diese Dinge nicht in der Erde beläßt«, wurde sie gewarnt.

Die versprochenen Vorteile haben sich bereits bei der Ranger-Mine nie materialisiert. Das große Geld, das den Gemeinden versprochen wurde, ist - wie vorhergesagt - in anderen Projekten, Steuern und Gebühren »versickert«. Das einzige Argument für eine Mine wie Jabiluka ist der Gewinn für die Aktionäre, wenn man solche Argumente gelten lassen will. Die Stimmung in Australien droht umzukippen - gegen die Aborigines. Eine neue Partei erringt in einem Wahlkreis nach dem anderen Erfolge. Sie heißt »One Nation«, was der Gipfel des Zynismus ist. Das Wahlprogramm ist simpel: Es gibt nur Australier, und alle sollen gleich behandelt werden. Soll heißen: Ersatzlose Streichung sämtlicher Wiedergutmachungen, die Aborigines dafür erhalten, daß ihre Kultur und ihre Lebensweise zerstört wurden.

Zum Abschluß sei noch einmal der Sprecher der Demokraten im australischen Parlament zitiert, der über den australischen Export von Uran sagte »wer meint ‘wenn wir es nicht verkaufen, dann wird es ein anderes Land tun’, der könnte auch sagen, daß wir Kokain verkaufen sollen, denn sonst tun das die kolumbianischen Kartelle«. Einen treffenderen Vergleich kann man sich kaum vorstellen.

Gewiß werden während der olympischen Spiele nur die bekannt schönen Bilder Australiens auf den Bildschirmen der Welt erscheinen. Australien verspricht ökologische, »grüne Spiele«. Aber wenn man etwas näher hinsieht, sind es eher giftgrüne Spiele.

Erstellt von oliver. Letzte Änderung: Donnerstag, 27. Januar 2022 23:11:12 CET von oliver. (Version 4)