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Stoppt die Militarisierung indianischen Landes





Anfang Februar treffen sich die Entscheidungsträger aus Militär, Politik und Wirtschaft der NATO-Staaten zur alljährlichen „Sicherheitskonferenz“ in München.
Nicht erst der Irakkrieg der NATO-Partner USA und Großbritannien belegt die Lüge des rein defensiven Auftrags des Bündnisses. Die Diskussionen um den Irakkrieg haben dies deutlich gezeigt, doch selbst nur die wenigsten kritischen Beobachter wissen, dass die Ureinwohner in den USA und Kanada seit Jahrzehnten unter der Militarisierung ihres Landes zu leiden hatten und haben.
In den USA werden die Gebiete der indigenen Nationen als Trainings- und Bombenabwurfgelände missbraucht, wie etwa auf der Nellis Air Base im Nordosten Nevadas, dem vertragsmäßigen Land der Western Shoshone Indianer. Seit 1941 trainiert das amerikanische Militär auf dem Gelände der Ureinwohner und gehört zu den größten Arbeitgebern der Region. Zu den Verdienern an der Luftwaffenbasis zählt auch der Konzern Halliburton, Ex-Arbeitgeber von US-Vize-Präsident Dick Cheney, und einer der Gewinnler des Irakkriegs. Nicht nur die Militärbasen – u.a. in South Dakota (Lakota) oder New Mexico (Apache) – selbst stellen ein Problem in vielen Regionen dar, sondern auch deren chemischen oder atomaren Erbschaften. Deponien für den Giftmüll des Militärs werden ebenfalls auf indianischem Land errichtet, z.B. auf der Utimilla Reservation in Oregon.

Reservate als nationale Opfergebiete

Ende 2004 wurden in der „American Sociological Review“, einer der renommiertesten Wissenschaftspublikation der USA, die erschreckenden Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, die Gregory Hooks, Leiter der soziologischen Fakultät der Washington State University, und Chad L.Smith, Professor an der Texas State University, durchgeführt haben. Der Befund der Untersuchung mit dem Titel „Die Tretmühle der Zerstörung, Nationale Opfergebiete und Native Americans“ ist eindeutig: Indianer sind in überdurchschnittlichem Ausmaß von Giftmüll und Explosivstoffen aus den Militärbetrieben betroffen, u.a. selbst Minen, die nach Einsatz nicht explodierten und damit eine hohe Gefahr für die Ureinwohner darstellen.
Bereits frühere Studien belegten eine Diskriminierung von Indigenen und Minderheiten, die als ökologischer Rassismus bekannt ist. Hooks und Smith sind jedoch die ersten, die den Zusammenhang zwischen indianischen Lebensbedingungen und der Militarisierung des Landes auf oder nahe Reservationen systematisch untersuchten.
Die Studie verdeutlicht, dass Indianer unverhältnismäßig stark Umweltgefahren ausgesetzt sind, die eher das Ergebnis einer im 20. Jahrhundert zunehmenden Militarisierung ihres Landes als des wirtschaftlichen Wettbewerbs sind. Zugleich bestätigen die Ergebnisse der Untersuchung, dass die brutale Zwangsansiedlungs- und Reservationspolitik der Regierung ursächlich dazu beigetragen hat, dass Indianer heute dem Militärmüll ausgesetzt sind. Vor allem die Entwicklung während des Zweiten Weltkriegs sowie des nachfolgenden Ost-West-Konflikts hat verstärkt zur der Ausweitung der Militarisierung beigetragen.
In erster Linie betroffen war indianisches Land, das nur wenig besiedelt und häufig als karg und nutzlos galt. Im ganzen Land finden sich heute Bombengelände, Testgebiete und Müllstätten des Militärs im Umfeld von Reservationen – prominentestes Beispiel die Nevada Test Site in Nevada auf dem Land der Western Shoshone, wo die USA ihre Atomtests durchführten. Reservatsland untersteht der Bundeshoheit und ist damit relativ leicht für das Militär verfügbar.
Auch das Uran für die ersten beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki wurde auf indianischem Land gewonnen.
Die Recherche war für die beiden Soziologen nicht einfach, da strenge „Nationale Sicherheitsinteressen“ Informationen über aktive Militärbasen verhindern, sie konnten daher lediglich aufgegebene Stützpunkte untersuchen. Die Erhebung, die auch jüngste Informationen des U.S. Army Corps of Engineers auswertete, umfasste Datenmaterial aus 3.100 Bezirken der ganzen USA. Demzufolge sind nach den Erkenntnissen von Hooks und Smith zwischen acht und 20 Millionen Hektar kontaminiert.
Die beiden Autoren der Studie kamen zu der klaren Überzeugung, dass die Indianerpolitik der Bundesbehörden und die militärische Zerstörung des Landes in direktem Zusammenhang stehen und keinesfalls zufällig sind.
Auch Deutschland ist an der Militarisierung indianischen Landes beteiligt. Neben dem Luftwaffenstützpunkt in den USA trainierte die deutsche Luftwaffe jahrelang im Norden Kanadas in Goose Bay, dem Land der Innu-Indianer. Das Bundesverteidigungsministerium verkündete zwar 2005 seinen Rückzug aus dem Gebiet, doch unter den Folgen haben die betroffenen Indianer noch heute zu leiden.

Tiefflug über Nitassinan

Rund 13.000 Menschen bilden das Volk der Innu, die an der kanadischen Ostküste leben. Dieses indianische Volk ist bei uns kaum bekannt, noch weniger publik ist jedoch, dass sie direkt und rechtswidrig unter den Folgen der NATO-Politik leiden müssen – auch von deutscher Seite.
1979 hat Kanada – ohne Konsultation oder Genehmigung der Innu – einen bilateralen Vertrag mit Deutschland zur Nutzung Labradors für Tiefflüge abgeschlossen und den Militärflughafen Goose Bay als Stützpunkt für Tiefflugübungen zur Verfügung gestellt. Seit 1980 übte die deutsche Luftwaffe – neben den NATO-Mitgliedstaaten Niederlande und Großbritannien Tiefstflüge und Bombenabwürfe über dem traditionellen Land der Indianer. Die Flugzeuge fliegen in einer Höhe von 15 - 30 Metern in einer Geschwindigkeit von 960 km/h über den Boden - bevorzugt über Flusstäler und Seen, die im Hauptjagdgebiet der Innu liegen. Dieser Vertrag zwischen Kanada und seinen NATO-Partnern wurde 1996 als „Multi-national Memorandum of Understanding“ trotz erheblichen Protests für weitere zehn Jahre verlängert. Die Zahl der Flüge wurde von ursprünglich 7.000 auf 18.000 jährlich (zzgl. 3.500 anderer Einsätze) erhöht. Während in der alten BRD die Flugstunden von 88.000 (1980) auf 42.000 (1990) reduziert wurden und nun bei 14.000 in Gesamtdeutschland liegen, wurden die Flüge aufgrund der Einschränkungen (nur über 300m erlaubt) und des erklärten Widerstands in der Bevölkerung einfach verlagert. In der weiten „Wildnis“ Kanadas wurden auch die Flugübungen für den Jugoslawien und Afghanistan-Einsatz durchgeführt, denn das Gebiet wurde von Kanada als ideales Übungsgelände angepriesen, da es den geographischen Bedingungen in Europa gleiche und menschenleer sei.
Landrechtsfrage

Dabei wurde übersehen, dass gerade in diesem Gebiet seit Tausenden von Jahren Innu-Indianer leben. Die Innu sind ursprünglich ein nomadisches Volk, das als Jäger und Sammler hier lebte. Nitassinan – so nennen sie ihr Land in ihrer Sprache Innu-Aimun – schließt Labrador und die Nordküste des St. Lorenz Stroms in der kanadischen Provinz Quebec ein. Die rund 13.000 Innu leben in 13 Gemeinden, von denen nur zwei, nämlich Davis Inlet (500 Einwohner) und Sheshatsiu (ca. 1.000), in Labrador liegen, während der Rest zur Provinz Quebec zählt. Im Rahmen der Missionierung und „Zivilisierung” wurden sie gezwungen sich niederzulassen. Die Mishuau-Innu wurden 1967 in Davis Inlet zwangsangesiedelt, einer Insel, die keinerlei Existenzgrundlage bietet. Doch noch heute versuchen die Innu ihren alten Lebensstil aufrechtzuerhalten, sie ziehen sechs Monate im Jahr in den Busch und jagen.
Während die Innu in Quebec von der Regierung als sogenannte Status-Indianer anerkannt sind, wurde diese Anerkennung den Innu in Labrador bislang verweigert. In Kanada gibt es heute rund eine Million Indianer, von denen allerdings nur 602.700 einen offiziellen Status als „Aboriginal“ oder „First Nations“ besitzen. Etwa 350.000 von ihnen leben auf einem der 2.370 Reservate, die im Gegensatz zu jenen in den USA nur über eine geringe Landbasis verfügen, denn diese „Reservate“, die meist nur aus kleinen Gemeinden bestehen, bilden lediglich insgesamt eine Fläche von 30.000 km², während die 287 Reservate in den USA eine Fläche von 226.800 km² einnehmen.
Kanada hat mit nur wenigen First Nations Verträge geschlossen, während das restliche Land unter der Eroberungsdoktrin angeeignet wurde. In der Royal Proclamation der englischen Krone von 1763 wurden die First Nations als souveräne Staaten anerkannt, diese Rechtsnachfolge übernahm Kanada mit der Unabhängigkeit 1867. Den Innu von Labrador allerdings wurde keinerlei Rechtsstatus zugesprochen, da die Provinz Newfoundland erst 1949 zur kanadischen Föderation hinzustieß. Mit der Einreichung einer Landrechtsklage 1991 wurden Verhandlungen zwischen Ottawa, der Provinz und den Innu eingeleitet, die 1996 zu einem Rahmenabkommen führten, aber noch lange nicht abgeschlossen sind, da Kanada immer wieder versucht, alle Schlupflöcher auszunutzen. Unter anderem sollen vom Landrechtsanspruch Bodenschätze und jene Gebiete ausgeklammert werden, die sich in Privathand befinden. Die Innu haben ihr traditionelles Territorium niemals an Kanada abgetreten oder verkauft. Auch in der kanadischen Verfassung von 1982 werden unter Abschnitt 35 die „existierenden Rechte der Ureinwohner“, also auch ihr Landrechtstitel, anerkannt. Zudem wurden die Landrechte der First Nation in der „Delgamuukw“-Entscheidung des Obersten Kanadischen Gerichtshofs von 1997 generell bestätigt.
Kanada missachtet daher die eigene Verfassung, indem es das Land der Innu, über welches die Regierung keine Verfügungsgewalt hat, an Dritte, d.h. die NATO-Vertragspartner überlässt. Zudem verstößt die kanadische Regierung gegen Internationales Recht, namentlich gegen Artikel 14 der ILO-Konvention 169, gegen die Konvention zur Beseitigung aller Formen der Rassendiskriminierung sowie gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker, festgelegt durch Artikel 1 des Pakts über bürgerliche und politische Rechte, als auch gegen Artikel 27 des Pakts, der auch von Kanada ratifiziert wurde.

Soziale Auswirkungen

Dieses Land wird durch die Militarisierung zerstört und die Innu werden ihrer Lebensbasis beraubt. Die verheerenden Auswirkungen auf die autonom gewachsene Struktur der Innu-Gesellschaft sind unübersehbar. Die Innu wurden von ihrem traditionellen Gebiet vertrieben und zwangsweise in Dörfern angesiedelt, die ihnen keine Überlebensbasis bieten. Entwurzelung, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus betreffen jede Familie in den Gemeinden. Für landesweite Schlagzeilen sorgten erst jüngst die Selbstmorde von Innu-Kindern, darunter selbst 6jährige. 1992 starben sechs Kinder, die ihres Lebens überdrüssig waren, bei einem Brand. Im darauf folgenden Jahr wollten sich sechs Kinder umbringen, nachdem sie sich mit Lösungsmitteln besinnungslos geschnüffelt hatten. Die Selbstmordrate bei den Innu ist 13 mal höher als im kanadischen Durchschnitt. Jeder dritte Erwachsene von Davis Inlet hat bereits einen Selbstmordversuch hinter sich. Die Kinder bleiben ohne jede Perspektive zurück. Sie empfinden ihr Leben als unwürdig und wertlos.
Zudem sind viele von ihnen Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester und Lehrer geworden, aber auch der Aggression der zeitweise über 3.000 in Goose Bay stationierten Soldaten ausgeliefert, welche ihre Depressionen über die Trennung von ihren Familien und ihre Isolation häufig an sozial Schwächeren, besonders indianischen Frauen auslassen. Belästigungen und Vergewaltigungen sind keine Seltenheit. Auch die extrem hohe Arbeitslosigkeit (ca. 80%) trägt zur Zerstörung der indigenen Kultur bei. Sie wirkt sich besonders auf die jüngere Generation aus, die sich häufig gezwungen sieht, wegzuziehen, um nicht in den Teufelskreis von Alkoholismus und Selbstzerstörung zu geraten. Während der Unterhalt des Militärbetriebs in Goose Bay jährlich rund 300 Mio. Dollar verschlang, wurden die Innu mit ein paar Almosen abgespeist.

Gesundheitliche und ökologische Folgen

Direkter als die Auswirkungen auf die Sozialstruktur sind die Folgen für die Gesundheit der betroffenen Menschen. Die permanente Lärmbelastung durch die Tiefflüge führte zu Verhaltenstörungen der Kinder, Angst- und Stresszuständen oder Herzinfarkten.
Ein anderer Aspekt ist die Zerstörung der Umwelt. Eine erste Umweltstudie verzögerte sich aufgrund zahlreicher Mängel und war letztlich völlig unzureichend. Eine zweite hätte eine Einschränkung des Übungsgeländes bedeutet, wogegen die Vertragspartner Deutschland, Niederlande und Großbritannien protestierten. Beide Studien blieben folgenlos.
Besonders betroffen sind die Karibuherden, die teilweise direkt im Trainingsgelände liegen. Sie waren stets die Hauptnahrungsquelle der Innu. Doch ihre Herden werden durch den Lärm vertrieben und sind einer enormen Belastung ausgesetzt. Durch den ständigen Stress verstört und abgemagert hetzen sich z.T. selbst zu Tode. Die Flugzeuge hinterlassen zudem eine Rußspur, die sich an den Bäumen festsetzt und somit die Waldbrandgefahr erhöht. Ausgestoßenes Kerosin verseucht die Gewässer und Fische, die daran sterben. Weite Gebiete werden durch die Nutzung als Bombenabwurfgelände zerstört. Die Folgen sind selbst nach dem Rückzug der deutschen Luftwaffe aus Goose Bay noch spürbar.

Widerstand

Seit Anbeginn wehrten sich die Innu und protestierten gegen die militärischen Übungen und die Zerstörung ihres Landes. Bereits in den 80er Jahren führten sie zahlreiche Protestaktionen, meist in Form von Blockaden durch. Mehrmals gelang es einer Gruppe von Innu, in das Militärgelände einzudringen und das Rollfeld zu blockieren. Wiederholt besetzten sie das Gelände, um das Starten der Flugzeuge zu verhindern, worauf sie von der RCMP (Royal Canadian Mounted Police) verhaftet wurden. Die Anklagen wurden zwar meist nach Monaten fallengelassen, aber die Behörden setzten die Innu weiter unter Druck.
Die Innu, vor allem die Frauen, gaben jedoch nicht auf. Mehrmals reisten Vertreter der Innu nach Europa, um die Vertragspartner auf ihre Situation aufmerksam zu machen und zu einem Ende der Tiefflüge zu bewegen. Sie sprachen mit Politikern und nahmen an Sitzungen der UNO teil. Jährlich führt eine Gruppe von Frauen einen mehrwöchigen Protestmarsch durch Ihr Protest wurde nicht nur von sozialen Bewegungen in Kanada, sondern auch international unterstützt.
Deutschland hat sich zwar aus Goose Bay zurückgezogen, doch die Zerstörung des indianischen Landes und die Missachtung der Rechte der indigenen Völker in den USA und Kanada bleibt.
Monika Seiller


 


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